Archive for November, 2008

Pfarrer Topits – Hubertuspredigt anlässlich des 40. Priesterjubiläums

Wednesday, November 26th, 2008

Liebe Mitbrüder, Liebe Orzydorfer, Liebe Landsleute, Liebe Pfarrangehörige von Maria am Hauch

Das Gedenkbildchen zu meinem 40-jährigen Priesterjubiläum zeigt unter den Kirchen auf der Rückseite das Altargemälde des hl. Hubertus, dem Schutzpatron der Orzydorfer Kirche. Sein Tag ist eigentlich der 3. November. Am Sonntag darauf feierten die Orzydorfer stets ihre Hubertikirchweih. Und das trifft auch diesmal wieder zu.

Wenn wir auf das Gemälde von Meister Karl Hemmerlein schauen, fragen wir uns: Warum wählten die Erbauer der Orzydorfer Kirche ausgerechnet diesen seltenen Heiligen zum Schutzpatron? Soviel Jagd gab es doch bei uns gar nicht? Eine mögliche Antwort darauf wäre: Der heilige Hubert lebte in den Ardennen, das ist ein Gebirge im heutigen Belgien, in der Nähe des waldreichen Lothringens, von wo ein Teil unserer Vorfahren herkam. Im ausgehenden Mittelalter gehörten diese Ländereien zusammen mit Burgund und Savoyen zum Erb- und Einflussgebiet der Kaiser aus dem Hause Habsburg. Erzherzog Franz von Lothringen war übrigens der Gemahl von Kaiserin Maria Theresia. Die Einwanderung ins Banat begann schon unter ihrem Vater Karl VI. und Orzydorf ist unter ihrem Sohn Joseph II. besiedelt worden. (1785)

1. Aber unser Kirchenpatron lebte mehr als 1000 Jahre davor zwischen den Jahren 655- 727. Das Altarblatt zeigt ihn mit einem Hirschgeweih, rechts unten. Der Legende nach soll Hubert seine junge Gemahlin Floribana schon bald nach der Hochzeit verloren haben. Der Tod des geliebten Men-schen verbitterte ihn dermaßen, dass er darüber seinen Glauben an den guten Gott verlor. Tagelang irrte er in den Wäldern umher. So auch an einem Karfreitag. Anstatt zum Gottesdienst zu gehen, pirschte er einen Hirsch auf und jagte ihm nach. Es war ein besonders schönes Prachtexemplar, angeblich von weißer Farbe. Schon zielt und legt er auf ihn an, da scheint es ihm plötzlich als sehe er zwischen den Stangen des Geweihs ein strahlendes Kreuz. Wie Paulus in der Apostelgeschichte vermeinte er bei dem gleißenden Licht eine Stimme zu hören: „Hubertus, warum verfolgst du mich?“ Auch er fragte wie jener: „Wer bist du Herr?“ Und er erhielt die Ge-wissheit: „Ich bin Jesus Christus, den du verfolgst. Steh auf, es wird dir gesagt werden, was du tun sollst.“ Die innere Stimme versicherte ihn: „Es gibt Gott wirklich. Bekehre dich von deinem Unglauben und kehre zurück zu deinem Herrn und Gott.“ –

Mit jeder Berufung ist zunächst die Begegnung mit dem lebendigen Gott ver-bunden und danach die Bekehrung des Herzens. Die Legende vom dunklen und finsteren Wald führt uns das Dickicht und die Schatten der menschlichen Seele und Persönlichkeit vor Augen. Hier will Gott gesucht und gefunden werden. Und das ist auch unter den besonders abträglichen Umständen der Verfolgung eines atheistischen Staates möglich. In mir selbst entbrannte ein harter Kampf. Die Religionskritik von Karl Marx, aktualisiert und einseitig zugespitzt mit den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolutionstheorie, der geschichtlichen Forschung, der Geologie, der Astrophysik und Biologie gingen an mir nicht spurlos vorüber und ich musste vom Verstand her sagen: „Ja, eigentlich haben sie recht! Das klingt doch recht stimmig!“ Ich hatte keinerlei Möglichkeit mich weiter oder anderwärtig zu informieren und ich hatte auch keine Ahnung, wie sehr die mir vermittelten Informationen einseitig gefiltert wurden und wie vielfach deutbar sie seien. Und trotzdem bäumte sich in meinem Inneren etwas dagegen auf und ich vernahm eine innere Stimme: Bete und glaube weiter! Wenn du weiter betest, wirst du den kostbaren Schatz deines Glaubens bewahren. Wenn du jetzt aufhörst zu beten, dann ist es mit deinem Glauben vorbei. Und das Gebet, ganz besonders der Rosenkranz, den mir mein Heimatpfarrer Dr. Schulter ans Herz gelegt hatte, hat mir in meinen Kämpfen geholfen. Als ich dann noch als einziger bei der Abiturprüfung das Kärtchen mit dem Thema: „Religion, eine Phrase von den Ausbeutern erfunden“, zog, da sagte ich mir: „Das ist der Fingerzeig Gottes.“

Liebe ehemalige Schülerinnen und Schüler. Erinnert Euch! Wie oft haben wir uns sonntags schon in aller Herrgottsfrüh und in aller Stille um den Volksaltar geschart und einen eigenartigen Jugendgottesdienst gefeiert, ohne Lieder und ohne Instrumente und ohne Glockengeläute, – es wäre sonst zu gefährlich gewesen – damit ihr um 3/4 – 9 Uhr schon nebenan in der Schule sein konntet.
Wehe wenn ein Jugendlicher beim Gottesdienst oder beim Religions-unterricht, der im Pfarrhaus stattfand, ertappt wurde. Dann gab es Repressalien, vom Ausschluss aus der Jugendorganisation bis zur öffent-lichen Diffamierung und vor allem schlechte Noten bei Betragen. Heute sagten wir, gäbe es einen Verweis. Einmal musstet ihr sogar in der Schule den Fußboden bis spät in die Nacht hinein schrubben, aber am anderen Tag kamt ihr mit leuchtenden Augen wieder zu mir und sagtet: „Wir kommen trotzdem wieder zur Kirche und zur Katechese. Ja es gelang uns zeitweilig sogar mit den Jugendlichen einen kirchlichen Arbeitskreis zu gründen, wo viele von Euch Referate über verschiedene Themen vorgetragen haben, sich in der Kunst des Redens und der Diskussion übten.

2. Hubert folgte der Stimme seiner Berufung und lebte zunächst 7 Jahre hindurch als Einsiedler in den Ardennen. Hier suchte er jeden Tag seinen Gott und fand ihn auch. Aber auch die Menschen suchten und fanden ihn. Später spürten ihn seine Anhänger in der Einsamkeit auf und machten ihn nach der Ermordung seines Vorgängers und Lehrers Lambert im Jahre 705, zum Bischof von Togern- Maastricht. Damals gab es noch sehr viele Heiden in den Ardennen. So zeigt ihn das Orzydorfer Altarblatt mit dem Bischofsstab und dem Putto, einem Engelchen, der ihm die Mitra zu-schwenkt.
Die Legende, wie immer man sie deuten mag, ist Zeichen der inneren Ausei-nandersetzung und des Kampfes des berufenen Menschen mit seiner Welt.

Wer vor 40 oder genauer gesagt vor 46 Jahren in meiner Heimat den Priesterberuf ergreifen wollte, der musste sich auf mancherlei Verfolgung und auf mancherlei Widerstand gefasst machen. Ein bekannter Priester bereitete mich darauf mit den Worten Jesu vor: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen. Der Schüler kann nicht über den Meister!“ Als ich den geistlichen Beruf in mir gegen Ende meiner Gymnasialzeit verspürte, da erhielt ich von kaum von jemand Zustimmung oder Unterstützung. „So einen Beruf erlernt man in unserer Zeit nicht! – hieß es von allen Seiten. „Das ist Selbstmord“ tönten die anderen. Meine Freunde, Bekannten und Verwandten zogen sich von mir zurück und mieden mich, als hätte ich die Pest. Es war gefährlich mit einem zukünftigen Priester in Verbindung zu stehen. Auch fuhren sie schweres Geschütz dagegen auf und versuchten nur alles Erdenkliche zu tun, um mich davon abzubringen. So kam ich nach meiner Priesterweihe am 21. April 1968 und nach Abschluss meiner Studien in Karlsburg und nach den Sommerferien zu euch und hielt am Fest des hl. Erzengels Michael, am 29. September 1968 den ersten Got-tesdienst in der Orzydorfer Pfarr-Kirche. Es war für mich ein starkes und beglückendes Erlebnis. Anschließend ernannte mich mein Ordinarius, – Bischof hatten wir keinen-, zum Pfarrverweser. Heute sind es auch fast auf den Tag genau 40 Jahre, dass ich erstmals das Patronatsfest mit euch beging. Wir Priester bezeichnen die erste Seelsorgestelle als unsere erste große Liebe. Und so war es auch bei mir. Es war eine sehr intensive Beziehung, die immer noch fort wirkt. Und ich glaube nicht, dass zwei junge Menschen eine nur annähernd innige Beziehung zueinander aufbauen, wie ein Neupriester zu seiner ersten Gemeinde. Wenn ich im Bus den Namen Orzydorf nennen hörte oder im Zug an Orzydorf vorbei fuhr, wurde es mir jedes Mal warm ums Herz und mein Herz begann stets höher zu schlagen.

3. Das Orzydorfer Altarblatt zeigt Hubertus des Weiteren als Kirchen-bauer. Nach einiger Zeit verlegte der neue Bischof seinen Sitz von Maastricht in das aufstrebende Lüttich. Dort ließ er einen neun Dom bauen. Die Kirchen galten damals vor allem als Ort der Taufe. Hubertus hat viele Menschen zum Glauben an Gott und zur Taufe geführt. An diese Bautätigkeit erinnert der begonnene Bau im Hintergrund des Bildes. Das Gerüst steht mitten im grünen Urwald.
– Nun Kirchen habe ich keine gebaut, aber mit Eurer Hilfe gelang es unsere Kirche außen und Innen so schön zu sanieren und zu restaurieren, dass sie heute noch ein Schmuckstück ist. Beim ersten Kirchweihgottesdienst, den ich um diese Zeit herum bei Euch hielt, drohte der Luftzug, der durch die undichten Fenster und Scheiben entstand, die Kerzen am Altar auszulöschen. Die Fensterrahmen waren durchgefault und die Scheiben hingen nur noch locker darin. Die meisten von uns wissen ja noch, wie schwierig man damals an Baumaterialien, an Farben, Steine, Holz, Eisen und Blech gelangen konnte. Es war wirklich wie ein Wunder. Alles half und stand zusammen.-

Was noch viel wichtiger ist: Es gelang auch die Kirche der Herzen zu erneuern. Die Kirche im Herzen – das ist Sinn und Zweck jeden äußerlichen Kirchenbaus. Wir haben es in erbitterten Auseinandersetzungen mit den Behörden durchgesetzt, dass die Kirchweihpaare auch zum Gottesdienst kommen konnten, dass sie sich dann in einem weiteren Schritt in der Banat-Schwäbischen Tracht kleiden durften, und was wohl das Schönste war: die jungen Trachtenpaare zwischen 15 und 20 an der Zahl erklärten sich bereit: nicht nur zur Kommunion zu gehen, sondern vorher auch zur Beichte. So erfuhren viele junge Menschen die Kirche des Herzens, dass ihr Herz sich zum Tempel des Heiligen Geistes wandelte. Damit ist euere Jugend geheiligt worden. Daraus könnt ihr heute noch viel Kraft und Segen schöpfen. Durch die jährliche Volksmission, – die staatlich strengstens verboten war- gelang es auch die Erwachsenen wieder für den Sakramenten- Empfang zu gewinnen. Es ist uns in jenen Jahren tatsächlich vieles gelungen: Junge Eltern und Familien fingen an, wieder zum Gottesdienst zu gehen. Das Glaubensleben blühte auf. Die Kirche erwachte in den Seelen. Ich habe es erlebt, wie eine Gemeinde sich bekehrt hat. Das war ein so nachhaltiges Erlebnis, das es bis heute noch nachwirkt. Auch wenn wir heute den Eindruck haben, dass so alles im kirchlichen Leben bei uns zurückgeht, so geben wir die Hoffnung nicht auf, dass es nicht vieler Menschen und Christen bedarf, die Salz der Erde und Licht der Welt für ihre Zeit sind.

Die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils bereitete bei den hellen Orzydorfer keinerlei Schwierigkeiten. (Aus keiner anderen Gemeinde des Banats gingen so viele Akademiker und Universitätsprofessoren hervor!) Die Einführung der Muttersprache ist deshalb als längst überfällig ausdrücklich begrüßt worden. Es gab damit keinerlei Schwierigkeiten. Wir hatten gute deutsche Schulen und das bis zu letzt. Das Lenaulyzeum war wohl eine Eliteschule. (Die meisten Frauen hatten schon vor dem Krieg in Temeschburg die Schule bei den Notre- Dame- Schwestern besucht, die es für Kindergarten und Volkschule auch in Orzydorf selbst gab. Viele Männer, hatten in der Banatia studiert.)

Die neuen Texte und Übersetzungen des erneuerten Messritus von Kyrie, Gloria, Credo, Sanktus, Lamm Gottes, Vaterunser saßen in wenigen Tagen. Schwieriger war es das Kirchenvolkslied wieder heimisch zu machen, das während des Josephinismus abhanden und in der ungarischen Zeit meinem Volksstamm buchstäblich geraubt worden war. So war das Kirchweihlied „Ein Haus voll Glorie schauet“ in Orzydorf völlig unbekannt, wie auch das bereits in den dreißiger Jahren eingeführte Diözesangesangbuch. Als ich nach Orzydorf kam, hat fast niemand aus dem Kirchenraum die Lieder mitgesungen. So begann ich mit den Kindern zu üben und dann mit den Erwachsenen und habe so gut ich´s konnte beim Gottesdienst selber kräftig mitgesungen. Ihr erinnert euch sicher noch an die großen Plakate und Col-lagen mit den Liedern, die ich mit großen Buchstaben auf Zeichenpapier schrieb, in Rahmen abhefte, die man bewegen, drehen und auswechseln konnte. Denn es gab keine Bücher und es durfte auch nichts vervielfältigt werden. Selbst Abzüge waren strengstens verboten. Lediglich Durchschläge mit der Schreibmaschine waren möglich.
Zu den schönsten Aufgaben meines Berufes zählte auch in Orzydorf: Tränen zu trocknen und Not zu lindern. Ich durfte und konnte dies. Das ist nicht mein Verdienst. Gott ist es, der mir die Gabe des Tröstens geschenkt hat. Bei einem Priesterjubiläum feiern wir auch nicht das Werk eines Menschen, sondern Gottes Gnade, die durch ihn wirkt und vermittelt wird.

Mit unserem Scanner sind wir jetzt auf dem Orzydorfer Hubertusbild von rechts nach links gefahren und möchten nun das, was wir gesichtet, erlebt und erfahren haben in unsere Gegenwart einfügen. Lasst uns jetzt auch in die Vertikale gehen und nach oben hin scannen. Hubertus schaut auf dem Altarbild himmelwärts, sein Blick ist nach oben gerichtet, wobei er viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Nach 40 Jahren wird es langsam auch für mich Zeit und für viele von uns nach oben zu blicken. Unsere irdische Heimat haben wir verloren, hier eine neue Heimat gefunden. Nun erhoffen wir uns auch die wahre Heimat im Himmel.

Drum gilt es für uns, dass wir Schritt halten mit der Entwicklung der Zeit und uns auch im Glaubensleben stetig fortbilden. Die neuen Computer bekommen vom Hersteller regelmäßig Programme zusätzlich übertragen. „Up- daten“ nennt man das. „Daten wir up“ auch bezüglich der Fortbildung und Ausübung unseres Glaubens. So habe auch ich mir als Losung für das 40-jährige Priesterjubiläum die Worte aus dem Philipperbrief gewählt: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Be-rufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.“ (Philipper 3, 13 – 14) Schwingen nicht die beiden Engel auf dem Altarblatt, die ganz oben, vom Himmel kommen dem Hubertus die Siegeskrone bereits zu? Auf jeden Fall rötet sich der Himmel bereits im Hintergrund und der neue Tag bricht an mit Christus, der Sonne der Auferstehung.