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Kirche, wohin gehst Du? Wie Kirche wieder zu den Menschen – umgekehrt die Menschen wieder zur Kirche finden

Dieser Eintrag stammt von eduard Am 31.10.2010 @ 21:51 In Pfarrer Topits | 445 Kommentare


Podiumsdiskussion im Kurtheater Bad Wörishofen mit P. Eberhard von Gemmingen, Dr. Markus Günther(Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung), Nathanael Liminski(In dessen Vertretung Micha Bues aus der Generation Papst Benedikt aus Hamburg erschien) Moderation hatte  Bernhard Ledermann Junior.

 

Nur im frohen Bekenntnis können wir Kirche sein. Moderator Bernhard Ledermann von der kath. Erwachsenenbildung: Was ist aber von den vielen Skandalen, Vertrauensverlust und Kampagne der Medien zu halten?

 

Die Fakten, zählte Dr. Markus  Günther von der Augsburger Allgemeinen Zeitung (AAZ)auf:

1.- Der Gottesdienstbesuch ist in Augsburg auf 5 % gesunken.

Das heißt: Die Oma geht gerade noch. 

  1. - Priesternachwuchs ist stark zurückgegangen. Erstmals ist die Zahl der Priesterweihen und Neupriester in ganz Deutschland unter 100 gesunken – ins Propedäutikum, dem Vorbereitungsseminar Augsburg sind gerade mal 4 Kandidaten eingetreten.
  2. - Kirchensteueraufkommen ist rückläufig
  3. - Hinzu kommt die ideelle Krise, die sich im Verlust an Ausstrahlung zeigt. Nur noch 17% unter den 30-Jährigen glauben.
  4. - Religionsunterricht ist nicht in der Lage den Glauben weiter zu vermitteln.
  5. – Unwissenheit – Die Leute wissen nicht mehr, was ein Priester, Bischof oder Papst ist. Das zeigte sich auch anlässlich der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft. Weil diese ohne Erklärung erfolgte, kam es zu Verwirrung und Empörung im Volk Gottes.

 

FRAGESTELLUNG: Ist die Krise der Kirche nur die Verlängerung der Krise unserer Gesellschaft oder ist sie noch bestimmt durch beträchtlich andere Faktoren? Durch Verlustgehen der oben genannten Bereiche fühlt sich Kirche in die Verteidigungsrolle gedrängt. Denn die zu Tage gekommenen Mangelerscheinungen sind nur die Spitze des Eisberges, dass nämlich die Akteure ihre Verantwortung nicht ausreichend und entsprechend wahrgenommen haben. 

 

P. Eberhard von Gemmingen führte dagegen ins Treffen, dass die letztendlich entscheidende Frage die der Säkularisierung sei. Kirche sind alle Getauften, und nicht nur der Papst, Bischof oder Pfarrer. Es gelingt in den Familien, Schule und Kirche nicht mehr den Glauben an die nachwachsende Generation zu vermitteln. 

 

FRAGE des Moderators Bernhard Ledermann Junior:

Wie mag es dem normalen katholischen Priester zumute sein, der jahrein jahraus still seine Pflicht tut, wie mag es einem Alumnus zumute sein, der sich auf den Priesterberuf vorbereitet, den Ordensleuten, die sich um menschliche Nähe bemühen und im Krankenhaus oder in Schule und Kindergarten unschätzbare Dienste versehen oder Sterbende auf ihren letzten Weg oder Trauernde begleiten – wenn die Medien die Missbrauchsfälle einer wenigen auf den ganzen Priester- und Ordensstand verallgemeinern?

 

Dr. Markus  Günther von der Augsburger Allgemeinen Zeitung (AAZ):

Teilweise ist es berechtigt von einer Kampagne der Medien zu sprechen. Dabei muss auch berücksichtigt werden, dass das Normale in unserer Gesellschaft kaum eine Schlagzeile wert ist, während das Außergewöhnliche oder  Skandalöse sofort Beachtung und Verbreitung findet.

Warum bilden die USA  eine Ausnahme in der Säkularisierung der westlichen Welt?

 

P. Eberhard von Gemmingen:

Das hängt mit der Entstehungsgeschichte der Neuen Welt zusammen. Die hierher kamen, hatten das Joch der Fürsten und Landesherren abgeschüttelt und sahen nun in Kirche und Religion die einzige Autorität, die für sie richtungsweisend war. Wenn ein Präsidentschaftskandidat nicht zu einer Kirche gehört, hat er überhaupt keine Aussichten gewählt zu werden. Wenn jemand zuzieht, wird er von seinen Nachbarn gleich gefragt, zu welcher Kirche er wohl gehöre.

 

-          Frage des Moderators: Warum gehen viele Menschen auf Distanz zur Kirche, ohne aber den Glauben zu verlieren? Warum braucht man dann dafür noch die Kirche?

 

P. Eberhard von Gemmingen argumentierte darauf so: Europa ist von seinen Wurzeln her vom Christentum geprägt. Man kann fast sagen Europas Kultur ist mit dem Christentum gleichzusetzen. Wenn ihr nun eine hohe Kultur haben wollt, braucht es eines transzendenten Bezugs. Priester und Vertreter der Kirche sind nur Vermittler desselben. Europa wäre ein verlassener Laden, wenn es das Christentum nicht gäbe. Es geht also darum diesen Bezug klar und deutlich jungen Menschen von heute darzustellen. Erst danach kann auf die Sakramentenspendung übergegangen werden. Denn diese setzt schon sehr vieles voraus.

 

-          Frage des Moderators: Warum ist die Öffentlichkeitsarbeit der Kirche und der Kirchen so schwach?

-          P. Eberhard von Gemmingen: Weil der Versuch christlichen Glauben in moderne Worte und Begriffe zu bringen schwierig ist wegen der großen Unterschiede, die die Individualisierung mit sich bringt. Heiligkeit und Ehrfurcht sind in unserer Gesellschaft weitgehend verloren gegangen. Die Volkskirche wird es so wie bisher nicht mehr geben, oder immer weniger geben, aber es wird ein Neuanfang geben. Die Medien spiegeln die geschichtliche Wirklichkeit der Gegenwart wieder. Beste Werbung für die neue Schokolade ist, wenn sie schmeckt. Deshalb ist es verkehrt krampfhaft zu versuchen sich dieser Welt anzupassen. Das führt nur zur Verwässerung  der christlichen Botschaft, die nichts an Kirchlichkeit oder Glaubensstärke bringt.  Das gilt besonders auf dem Gebiet der Liturgie.

 

- Hinzu kommen nach Dr. Markus Günther viele Vorbehalte, wenn etwa Priester sagen: Ich bin zwar Priester, aber ich kann das und das nicht nachvollziehen…Ich bin zwar katholisch, aber in dem und dem Punkt bin ich anderer Meinung. Das relativiert christliche Standpunkte und macht sie unglaubwürdig. Wonach die Menschen suchen: ist ein persönliches Angebot der Seelsorge ohne bürokratische Hürden, das ihrer unstillbaren Sehsucht nach Liebe und Geborgenheit entspricht. Es gilt also zunächst dies ernst zu nehmen.

Viele Christen unserer Zeit haben geradezu einen missionarischen Komplex, wenn es darum geht über den Glauben mit ihren Kindern zu sprechen und ihn weiter zu geben. Die Weitergabe des Glaubens gelingt trotz vielfältiger und aufrichtiger Anstrengungen kaum, oder doch nur in geringem Ausmaß. Warum wohl?

 

- Frage des Moderators: Wie kann die Kirche das verloren gegangene Vertrauen wieder gewinnen?

 

P. Eberhard von Gemmingen SJ:

Es fehlt uns zurzeit in Deutschland eine charismatisch- prophetische Stimme, die sich zum Sprachrohr dazu macht. Kirche besteht nicht nur aus Papst, Bischöfen und Priestern, sondern aus uns allen. Jede und jeder Getaufte muss an seinem Platz seinen Beitrag zur Erneuerung der Kirche bringen. Es geht darum, den Glauben zu leben und ein authentisches Vorbild zu geben.

 

Moderator: Warum ist die Wahrnehmung des Papstes nirgends so schlecht wie in Deutschland?

P. Eberhard von Gemmingen: Weil die Deutschen ihre religiösen Bedürfnisse in esoterischen Angeboten und Ecken zu befriedigen suchen. Außerdem funktioniert der Medienapparat des Papstes schlecht. Auch herrscht der Zeitgeist, der sich so formulieren ließe: „Ein böses Wort gegen die Juden zu sagen, ist verboten – Ein böses Wort gegen die Muslime zu sagen, ist ein Verbrechen.- Ein böses Wort gegen die Christen zu sagen, ist erwünscht!“  Die Pastoral in Deutschland bemüht sich meistens um die Ränder, während die breite Mitte leer ausgeht und dem dummen Gequassel der Medien ausgesetzt ist. Der Vatikan hat nun einen Rat der Medien als Rat der neuen Evangelisierung ins Leben gerufen. Ein Glaubenskurs ist vonnöten, dann erst kann man darauf aufbauen und begleiten. Wir haben in unserer Kirche, wie in der Gesellschaft zuviel Apparat und zu wenig Menschen, die begeistern.

Johannes Paul II, konnte man sehen, Benedikt muss man Hören. Der neue Bischof von Augsburg Konrad bringt Erfahrungen einer verfolgten Kirche, einer Kirche im Gegenwind.

 

Der Chefredakteur der AAZ plädiert für die Abschaffung der Kirchensteuer, weil dadurch, die Hürde für den Wiederanschluss an die Glaubensgemeinschaft größer geworden ist. Dagegen standen jedoch die Vertreter der karitativen Arbeit und der Kindertagesstätten auf. Das gesellschaftliche Engagement seitens ehrenamtlicher Helfer ist groß. Sie teilen sich im Besuchdienst und auch im Krankenbesuchdienst. Die Diözese Augsburg hat 6.000 hauptamtliche Mitarbeiter. 8 Millionen aus dem Etat, fließen in den sozialen Bereich. Aber das alles ist trotzdem zu wenig. Wir müssen zurück zur ursprünglichen Gotteserfahrung eines jeden Einzelnen.

 

P. Eberhard von Gemmingen: Die Deutschen haben die Eigenschaft alles sehr ernst zu nehmen. Das bringt den Nachteil mit sich, dass sie zuweilen vor lauter Reflektieren und Analysieren  nicht mehr zum Handeln kommen. Bei zu viel Kritik kommt meistens nichts heraus. Es ginge darum über den Glauben sprechen zu können, und zwar einfach in weltlichen Worten unserer Gegenwart. Das Sprechen über Gott und den Glauben ist uns weitgehend abhanden gekommen. Da haben wir ein regelrechtes „Schamgefühl“ entwickelt.  Die Auseinandersetzung mit dem Islam dürfte wieder dazu führen, dass wir uns wieder verstärkt auf unsere  christlichen Werte besinnen.


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